Im Jahr 1998 wurden meine Frau und ich vom Stadtrat der deutschen Stadt Erfurt eingeladen, der Eröffnung der restaurierten Kleinen Synagoge beizuwohnen.
Wir wohnten in der Villa der Stadt, und später erfuhren wir, dass dort auch die höchsten Regierungsvertreter der DDR untergebracht waren, wenn sie zu Gast in der Stadt waren. Man kann sich also vorstellen, wie unser Quartier eingerichtet war.
In der Eingangshalle traf ich einen Mann, klein von Gestalt, aber mit großem Charisma. Er stellte sich als Sally Perel vor. Ich hatte noch nie von ihm gehört. Wir kamen ins Gespräch, und ich erzählte ihm, dass ich kürzlich einen Spielfilm im Fernsehen gesehen hatte, in dem ein jüdischer Junge gezwungen wurde, Mitglied der Hitlerjugend zu werden. Darauf sagte er: „Das ist der Film über mein Leben. Ich bin dieser Hitlerjunge.“
Am selben Abend sollte in der Stadt, im Rahmen von 60 Jahre Kristallnacht, mein Einakter De Trein (Der Zug) von der Ökumenischen Spielgemeinde Erfurt aufgeführt werden. Sally Perel war zu Gast, und nach der Vorstellung, als meine Frau und ich mit den Schauspielern sprachen, trat er zu uns. Schweigend öffnete er seine Brieftasche, und darin lag ein Judenstern. „Der gehörte meinem Bruder“, sagte er. Es war ein sehr emotionaler Moment.
Einige Wochen später erhielt ich einen Brief von Sally Perel mit der Frage, ob ich ein Theaterstück für ihn schreiben wolle – ein Theaterstück über sein Leben.
Ich schrieb ihm zurück, dass ich mich zwar sehr geehrt fühlte, aber nicht wüsste, was ich der Geschichte noch hinzufügen könnte, die bereits in einem Oscar-nominierten Film über sein Leben und in seinem Buch erzählt worden war.
Daraufhin ließ er mich wissen, dass ihn die Texte von De Trein so gefesselt hätten, dass er sich wünschte, ich möge ein Theaterstück schreiben.
Es wurde "Du sollst leben" – die letzten Worte seiner Mutter. Als er kurz davor stand, zusammen mit seinem Bruder Isaak nach Osten zu fliehen, nahm sie seinen Kopf in beide Hände und sagte: „Sally, du sollst leben.“ Er hat seine Eltern nie wieder gesehen.
Bei der niederländischen Premiere in Waalwijk war Sally Perel anwesend. Auch das Fernsehen berichtete über seine Anwesenheit, unter anderem in Twee Vandaag (TROS) und in der Sendung De wandeling.
Nach der Vorstellung sagte Sally zu mir: "Ich habe nichts verstanden und doch habe ich alles verstanden.“
Sally war zu Gast in Abbekerk (Provinz Noord Holland) und eröffnete gemeinsam mit dem Bürgermeister eine Ausstellung, im Vorfeld der dortigen Aufführung, die ich inszeniert hatte.
Danach waren wir beide bei Aufführungen in Deutschland anwesend.
Du sollst leben ist inzwischen ins Deutsche und Englische übersetzt worden. Die englische Übersetzung wurde von Volkswagen A.G. Wolfsburg gesponsert.